Artenreiche Grünlandgesellschaften als Ressource für den Erhalt der biologischen Vielfalt (SALVERE)

  • Hintergrund

    Hintergrund

    Naturnahe Grünlandgesellschaften sind in ganz Europa stark gefährdet. Noch ursprüngliche, artenreiche Wiesen beherbergen die für die Region typischen Unterarten und Ökotypen in regionaltypischer Artenzusammensetzung. Sie haben damit nicht nur einen hohen naturschutzfachlichen und ästhetischen sondern auch einen hohen ökonomischen Wert. Die direkt auf den Wiesen geernteten Samengemische können regional bei Begrünungs- und Renaturierungsmaßnahmen eingesetzt werden und damit unmittelbar zum Erhalt und zur Entwicklung der biologischen Vielfalt im Landschaftsraum beitragen.

    Im Rahmen des SALVERE Projektes wurden im Sommer 2009 in den sechs beteiligten Ländern (Deutschland, Italien, Österreich, Polen, Slovakei, Tschechische Republik) insgesamt 17 großflächige Pilotprojekte angelegt. Das dafür benötigte Samenmaterial wurde in artenreichen Spenderflächen (Glatthaferwiesen, Halbtrockenrasen, Brenndoldenwiesen, Pfeifengraswiesen) mittels Mahd, Drusch oder Ausbürsten gewonnen. Darüber hinaus wurden Samen aus regionaler Vermehrung von gebietseigenen Herkünften zugesät, um fehlende bzw. nicht fruchtende Arten zu ergänzen. Diese 17 Flächen werden als Demonstrationsflächen genutzt und sollen Fachleute, Planende und Behörden von den zahlreichen Vorteilen dieser Methoden überzeugen. In Sachsen-Anhalt wurden auf dem Campus in Strenzfeld eine Glatthaferwiese und im Wulfener Bruch eine Brenndoldenwiese angelegt.

  • Projektziele

    Projektziele

    Das Hauptziel des Projektes war die Verbesserung der Erntemethoden für Samengemische aus naturnahen Grünlandgesellschaften und die Optimierung naturnaher Begrünungsmethoden bei der Neuanlage von artenreichen Wiesen auf ehemaligen Ackerstandorten und Rohbodenflächen sowie bei der Aufwertung von artenarmen Wirtschaftsgrünland. Die Qualität des geernteten Samenmaterials wurde dabei durch qualitative und quantitative Analysen im Labor und im Gewächshaus dokumentiert.

  • Fallbeispiel 1 – Etablierung einer Glatthaferwiese

    Fallbeispiel 1 – Etablierung einer Glatthaferwiese

    Im Landkreis Bernburg ist die Rößewiese, ein Landschaftspark im Stadtgebiet Bernburg, eine der wenigen Glatthaferwiesen, die noch einen weitgehend kompletten Artenbestand aufweisen. 2009 konnten dort insgesamt 84 höhere Pflanzen, davon 66 Zielarten, nachgewiesen werden. Ende August 2009 wurden auf der Fläche samenreiches Mahdgut und Wiesendrusch geerntet. Als Empfängerfläche diente ein ehemaliger Acker auf dem Campus Strenzfeld, der durch zweimaligen düngerlosen Anbau mit Winterweizen ausgehagert wurde, so dass der mittlere P-Gehalt im März 2009 nur noch 4,1 mg pro 100 g Boden (±2) betrug. Die Spenderfläche weist einen P-Gehalt von 2,7 mg pro 100 g Boden (±2) auf. Das samenreiche Material wurde auf einem 2800 m2 großen Blockversuch in vier Varianten ausgebracht:
    GH: Mahdgut (ca. 670 g Trockengewicht pro m²)
    GH+S: Mahdgut (wie GH) mit Zusaat (1,5 g/m²) von 37 gebietseigenen Arten aus regionaler Vermehrung
    OST: Wiesendrusch (ca. 15 g/m², ungereinigt)
    OST+S: Wiesendrusch (wie OST) mit Zusaat (wie GH+S)

  • Ergebnisse

    Ergebnisse

    Im Gewächshausversuch wurden in GH 56 Arten (= 67 %) und in OST 53 Arten (= 63 %) der Spenderfläche nachgewiesen. Die Abbildung zeigt, wie viele Individuen zwischen dem 3.3. und 23.8.2010 gekeimt sind, berechnet für die auf 1 mSpenderfläche geerntete Menge.

    Auf der Empfängerfläche traten bis September 2010 136 Arten auf, davon 67 Zielarten. Die Übertragungsrate für GH liegt bei 68 % und für OST bei 50 %. Von den ausgesäten Arten etablierten sich bisher 81 %. Die Tabelle zeigt die Aufschlüsselung der Artenzahlen auf den Varianten, getrennt nach Ziel- und Nicht-Zielarten, im September 2010.

    Weitere Ergebnisse sind in Kirmer & Tischew (2014) zu finden.

     

  • Fallbeispiel 2 – Etablierung einer Brenndoldenwiese

    Fallbeispiel 2 – Etablierung einer Brenndoldenwiese

    Das Wulfener Bruch liegt im Landkreis Köthen und ist Teil des UNESCO Biosphärenreservates „Mittelelbe“. Entwässerung, Intensivierung und Ackernutzung führen zu einer stetigen Degradierung des über 800 ha großen Feuchtwiesengebietes. Auf einer einschürig genutzten Brenndoldenwiese konnten 2009 insgesamt 123 höhere Pflanzenarten, davon 68 Zielarten, nachgewiesen werden. Im September 2009 wurden auf dieser Fläche samenreiches Mahdgut und Wiesendrusch geerntet. Als Empfängerfläche diente ein ehemaliger Acker im Wulfener Bruch, auf dem im Frühjahr 2009 Mais ohne Düngung angebaut wurde. Trotzdem betrug der mittlere P-Gehalt im März 2009 noch 8,6 mg pro 100 g Boden (±2,9). Die Spenderfläche weist einen P-Gehalt von 0,9 mg pro 100 g Boden (±0,4) auf. Das samenreiche Material wurde auf einem 7800 m2 großen Blockversuch in vier Varianten ausgebracht:
    GH: Mahdgut (ca. 1700 g Trockengewicht pro m2)
    GH+S: Mahdgut (wie GH) mit Zusaat (0,8 g/m2) von 17 gebietseigenen Arten aus regionaler Vermehrung
    OST: Wiesendrusch (ca. 20 g/m2, ungereinigt)
    OST+S: Wiesendrusch (wie OST) mit Zusaat (wie GH+S)

  • Ergebnisse

    Ergebnisse

    Im Gewächshausversuch wurden in GH 46 Arten (= 38 %) und in OST 54 Arten (45 %) der Spenderfläche nachgewiesen. Die Abbildung zeigt, wie viele Individuen zwischen dem 3.3. und 23.8.2010 gekeimt sind, berechnet für die auf 1 m2 Spenderfläche geerntete Menge.

    Auf der Empfängerfläche traten bis September 2010 120 Arten auf, davon 49 Zielarten. Die Übertragungsrate für GH liegt bei 55 % und für OST bei 50 %. Von den ausgesäten Arten etablierten sich bisher 65 %. Die Tabelle zeigt die Aufschlüsselung der Artenzahlen auf den Varianten, getrennt nach Ziel- und Nicht- Zielarten, im September 2010.

     

  • Wie geht es weiter?

    Wie geht es weiter?

    Auf dem Campus Strenzfeld konnte durch die zweijährige Flächenvorbereitung der Nährstoffstatus auf ein für Glatthaferwiesen geeignetes Niveau gebracht werden. Als Entwicklungspflege wurden die Flächen im Juni und Oktober 2010 mit einem kleinen Aufsitzmäher mit Fangkorb gemäht und das Mahdgut abtransportiert. Seit 2011 werden die Flächen im Juni gemäht und im September mit Schafen beweidet.

    Im Wulfener Bruch ist der Nährstoffstatus für Brenndoldenwiesen noch viel zu hoch. Auch in den Folgejahren ist eine zweischürige Mahd mit Entfernung der Biomasse notwendig, um den Aushagerungsprozeß fortzusetzen und nitrophile Arten (z.B. Urtica dioica) zurückzudrängen. Generell war auf den Flächen im September 2010 der Anteil der Kräuter mit durchschnittlich 17 % (±13) an der Gesamtdeckung relativ gering. Vor allem Holcus lanatus, Festuca arundinacea, F. pratensis, Alopecurus pratensis und Dactylis glomerata bildeten dichte Schwaden, welche die Entwicklung der krautigen Zielarten behindern. Erfahrungen aus anderen Projekten lassen aber erwarten, dass durch eine regelmäßige Mahd die Zielarten gefördert werden. Seit Frühjahr 2013 werden die Flächen ganzjährig mit Koniks und Heckrindern beweidet; wobei die Beweidung durch das katastrophale Hochwasser im Juli 2013 längere Zeit unterbrochen werden musste.

    Auf beiden Demonstrationsflächen wird die Datenerhebung in den Folgejahren fortgesetzt, um die langfristige Entwicklung der verschiedenen Varianten zu verfolgen.

    Die Ergebnisse fließen in ein Praxishandbuch zur Samengewinnung und Renaturierung von artenreichem Grünland ein, das Ende 2011 in deutscher und englischer Sprache erscheinen wird.

Projektleitung Hochschule Anhalt: Prof. Dr. Sabine Tischew
Projektbearbeitung: Dr. Anita Kirmer, Dipl.-Ing. (FH) Sandra Mann, M. Sc. Katja Eis, Dipl.-Ing. Matthias Stolle
Gefördert durch: INTERREG CENTRAL Europe Programm & Hochschule Anhalt
Projektpartner: Italy: University of Padova, Department of Environmental Agronomy and Crop Production (Prof. Dr. Michele Scotton, Gesamtprojektleitung); Austria: Research and Education Centre for Agriculture Raumberg–Gumpenstein (Dr. Bernhard Krautzer) & Kärntner Saatbau GmbH (Christian Tamegger); Czech Republic: OSEVA PRO Ltd, Grassland Research Station (Dr. Magdalena Sevcíková); Germany: Rieger-Hofmann GmbH (Ernst Rieger); Slovakia: Agricultural Research Centre (Miriam Kizeková); Poland: Poznan University (Prof. Dr. Piotr Golinski)
Website: www.salvereproject.eu