Management von Offenland-Lebensräumen an pflegeproblematischen Steilhängen durch Ziegenbeweidung im Unteren Saaletal

  • Einleitung

    Einleitung

    Über Jahrhunderte hinweg wurden viele Hänge im Unteren Saaletal zwischen Halle (Saale) und Könnern mit Schafen und Ziegen beweidet. Bedingt durch diese traditionelle Nutzungsform und die speziellen klimatischen und edaphischen Bedingungen entstanden hier blütenreiche, gebüsch- und baumarme Flächen, die unsere Kulturlandschaft einst prägten.

    Einige der typischen Pflanzengesellschaften dieser Offenlandschaften sind als Lebensraumtypen (LRT) nach der europäischen Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH-Richtlinie) geschützt. Die Erhaltungszustände dieser Lebensräume sind zu schützen bzw. die positive Weiterentwicklung (Verbesserung des Erhaltungszustandes) zu gewährleisten (Art. 3 FFH-RL).

    Aufgrund sozioökonomischer Veränderungen wurden in der älteren und jüngeren Vergangenheit jedoch viele Flächen aus der Nutzung genommen. Folge waren Vergrasung und eine rasche Zunahme der Gehölzdeckungen im Bereich der aufgelassenen Standorte.

  • Die Ziege in der Landschaftspflege - Das Modellprojekt

    Die Ziege in der Landschaftspflege - Das Modellprojekt

    Um Magerrasen zu erhalten, muss eine an die ursprüngliche Nutzung adaptierte Pflege erfolgen. Extreme Steillagen, die zudem oft durch Gehölzriegel isoliert sind, eignen sich nur bedingt für eine Beweidung mit Schafen, sodass viele dieser Standorte nicht in bestehende Triftweidekonzepte integriert werden können. Organisationsaufwendige und mit hohen Kosten verbundene, manuelle Entbuschungsmaßnamen (Kostenaufwand bis zu 8.500 €/ha, tlw. deutlich mehr) können als ersteinrichtende Maßnahme die Gehölzdeckung zurückdrängen. Ohne eine Einbindung der Flächen in nachfolgende Nutzungskonzepte kommt es jedoch zu einem hohen Nachsorgeaufwand durch die Notwendigkeit von wiederholten Pflegeschnitten in den Folgejahren.

    Die Eigenschaft der Ziege, einen Großteil ihres Futterbedarfs über Gehölzmaterial zu decken, wurde lange Zeit negativ bewertet. In jüngster Vergangenheit hat die Ziege in der Biotoppflege aufgrund ihres Weideverhaltens und der Eignung für unwegsames Gelände jedoch an Bedeutung gewonnen.

    Vor diesem Hintergrund wurde das mit Fördermitteln aus dem ELER-Fond (Europäischer Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums), dem Land Sachsen-Anhalt und der Heidehofstiftung ausgestattete Ziegenprojekt initiiert. Die ersten Beweidungsflächen im Unteren Saaletal wurden im Jahr 2007 eingerichtet. Aktuell werden 16 Flächen im Unteren Saaletal mit Ziegen, teilweise gemeinsam mit Schafen, beweidet.

    Gekennzeichnet sind die Flächen durch abschnittsweise stark verbuschte Strukturen in zum Teil extremer Steillage. Die Flächen befinden sich in Natura 2000-Gebieten und weisen eine noch artenreiche Trockenrasen-Flora und -Fauna auf, die aber durch Vergrasung und Verbuschung akut bedroht ist.

    Zentrale Aufgabenstellungen in der gegenwärtigen Projektphase als Teilprojekt zur Verbesserung des Erhaltungszustands von Offenland-Lebensraumtypen sind:

    • Naturschutzfachliche Erfolgskontrollen (v.a. Vegetation)
    • Untersuchungen zum Raum- und Fraßverhalten sowie zur Kondition der Weidetiere,
    • Betreuung der Bewirtschafter und Integration weiterer Beweidungsflächen,
    • Öffentlichkeitsarbeit.
  • Projektziele

    Projektziele

    Folgende Ziele wurden zu Beginn des Projektes für die Beweidungsflächen definiert:

    • Erhaltung und Förderung von FFH-Lebensraumtypen sowie von gefährdeten Pflanzen- und Tierarten,
    • Reduzierung des Verbuschungsgrades (Tolerierung von bis zu 20 % Gehölzaufwuchs),
    • Verringerung der Streuschichten und Gräserdominanzen,
    • Initiierung der Beweidung durch Suche nach geeigneten Flächenbewirtschaftern sowie finanzielle Unterstützung bei der Flächeneinrichtung und –bewirtschaftung (mit dem Ziel, die vorhandene Pflege nach Projektende sicherzustellen),
    • Ableitung eines geeigneten Pflegemanagements für unterschiedliche Standorte auf Basis der Erfolgskontrollen.

    Projektziele Folgeprojekt 2017-2020:

    Bewertung laufender Pflegemaßnahmen (Ziegen- und Mischbeweidung) auf Kleinstflächen mit artenreichen Xerothermrasen am Beispiel des Unteren Saaletals und Wissenstransfer in die landesweite Praxis (u. a. Realisierung Buchprojekt Praxisleitfaden Ziegenbeweidung, Durchführung überregionaler Workshop).

    Im Rahmen des Teilprojektes soll die Erfolgskontrolle auf bestehenden Ziegenweideflächen im Unteren Saaletal fortgesetzt werden. Aufgrund von langjähriger Nutzungsauflassung waren diese Flächen vor Beweidungsbeginn durch erhebliche Pflegedefizite gekennzeichnet (Vergrasung, Verfilzung, insbesondere Verbuschung), wodurch die vorhandenen LRT-Flächen bereits deutlich degradiert waren, sowie die Gefahr des lokalen Aussterbens von Populationen seltener Arten bestand. Zwar liegen positive Entwicklungen hinsichtlich sich reduzierender Gehölzbestände auf Ziegenweiden im Unteren Saaletal vor, jedoch weisen viele Gehölze nach wie vor ein hohes Regenerationspotenzial auf (v. a. über Wurzelausschläge). Die Durchführung des Monitorings ist auch deshalb notwendig, weil Ziegen-Rotationsweiden in zunehmendem Maße zur Beweidung von verbuschten Xerothermstandorten eingesetzt werden, aber immer noch Zweifel bestehen, ob die typischen und insbesondere die naturschutzfachlich wertvollen Arten auf lange Sicht profitieren. Weiterhin bestehen erhebliche Wissensdefizite hinsichtlich der Eignung weiterer robuster Nutztierrassen (z. B. Fjordpferde, Highland Cattles), die in Kombination mit Ziegenbeweidung auf tiefgründigeren und weniger stark geneigten Standorten eingesetzt werden können. Dazu werden in einem Teilprojekt zusätzlich laufende Pflegemaßnahmen (Ziegen- und Mischbeweidung) auf artenreichen Kleinstflächen in Anschluss an Vorläuferprojekte analysiert und bewertet.

  • Einflüsse der Ziegenbeweidung auf Flora und Vegetation

    Einflüsse der Ziegenbeweidung auf Flora und Vegetation

    Nach vier Weidejahren konnten Gehölze auf stark verbuschten Flächen um durchschnittlich 23,8 % und auf schwach verbuschten Flächen um 8,4 % zurückgedrängt werden. Demgegenüber wurden auf unbeweideten Kontrollflächen deutliche Zunahmen bei den Gehölzen registriert.

    Tierbeobachtungen konnten belegen, dass von den Ziegen weitestgehend alle Gehölzarten verbissen werden, wobei die jeweiligen Anteile von Jahr zu Jahr schwanken und in Abhängigkeit von den Beweidungszeitpunkten und der Dauer der Weideperiode variieren können. Die Ziegen fressen sowohl die Blätter als auch die Früchte und Blüten der Gehölze. Von den Weidetieren werden auch Gehölzarten mit Stacheln oder Dornen verbissen (z.B. Berberis vulgaris, junge Robinia pseudoacaciaRosa-Arten). Zudem wird bei vielen Gehölzen die junge Rinde geschält.

    Durch die Fähigkeit sich beim Fressen auf die Hinterbeine zu stellen, um an höher gelegene Pflanzenteile zu gelangen, erreichen die Tiere Höhen von ca. 1,8 m. Zum Teil liegt der Fraßhorizont sogar noch höher, da die Ziegen sehr erfolgreich Äste mit den Vorderbeinen oder dem ganzen Körper herunterdrücken können, was es ihnen ermöglicht, Gehölzteile in Gemeinschaft abzufressen.

    Ziegen verbeißen jedoch nicht nur Gehölze, sondern fressen auch effektiv Gräser und Kräuter. Auf der Ziegenstandweide Nelbener Grund lag der Gehölz- und Gräser-/Kräuteranteil an der Nahrung im Frühsommer 2009 bei 90 % (Gehölze) bzw. 10 % (Gräser/Kräuter). Im Herbst 2009 wurden zu 35 % Gehölze und zu 65 % Gräser und Kräuter verbissen. Die Weidetiere haben sich im Frühsommer demnach gezielt auf die frisch austreibenden Gehölze eingestellt, während sie im Herbst die in einer Vegetationsperiode mehrfach nachschiebenden frischen Gräser und Kräuter häufiger annehmen.

    Allgemein ist durch die Beweidung ein Rückgang der Gräser-/Kräuterdeckungen zu beobachten, was vor allem mit dem Rückgang vorher dominierender Gräser wie Bromus erectus zu erklären ist. Insbesondere in den von den Ziegen sehr intensiv angenommenen Hangbereichen ist ein kontinuierlicher Rückgang der vormals zum Teil sehr dichten Streuauflagen zu verzeichnen. In diesen Bereichen sind gleichzeitig eine Vergrößerung von Populationen seltener Arten (z.B. Astragalus exscapus) sowie eine Zunahme der Artenzahlen von kurzlebigen lebensraumtypischen Arten festzustellen, welche die neu entstandenen Rohbodenstandorte besiedeln.

  • Management

    Management

    Zur Sicherung der Weideflächen haben sich Elektrozäune mit vier bis fünf Litzen bewährt. Die Stromversorgung erfolgt über ein Solarmodul mit mindestens 40 Watt inklusive Diebstahlschutz.

    Für die Beweidung sind Burenziegen besonders gut geeignet. Diese aus Südafrika stammende Rasse ist an trockenwarmes Klima sehr gut angepasst. Sie ist zudem ein guter Kletterer und kann sich mühelos im steilen Gelände bewegen. Die Burenziege ist eine Fleischziege, d.h. sie hat vergleichsweise kleine Euter (nur während der Jungenaufzucht größer), wodurch sich eine geringere Verletzungsgefahr im steilen Gelände und an dornigen Gehölzen ergibt. Aufgrund ihres ruhigen Gemüts ist die Burenziege weniger sprung- und ausbruchsfreudig als beispielsweise die Thüringer Waldziege.

    Grundsätzlich ist die Beweidung von Frühjahr, sobald das erste Grün austreibt, bis Spätherbst, mit Beginn von Frost und nasskalter Witterung, möglich. Beweidungszeiten und Tierbesatz sind der jeweiligen Flächenbeschaffenheit und der Witterung zur jeweiligen Weideperiode anzupassen. In der Entbuschungsphase ist ein höherer Tierbesatz notwendig, während die Anzahl der Weidetiere in der Erhaltungsphase schrittweise reduziert werden sollte. Die Besatzstärke auf den Ziegenweiden im Bereich verbuschter Trocken- und Halbtrockenrasen im Unteren Saaletal liegt bei 0,2 bis 1,0 GVE/ha/Jahr, wobei diese in anderen Regionen durchaus abweichen kann.

    Wie bei Entbuschungsmaßnahmen sollten auch im Rahmen der Ziegenbeweidung nicht alle Gehölzstrukturen entfernt werden. Für den Erhalt der Lebensraumtypen ist ein Anteil von bis zu 20 % Einzelgehölzen und/oder Gebüschgruppen akzeptabel, auch unter Berücksichtigung der Habitatansprüche verschiedener Tierartengruppen. Besonders landschaftsbildprägende Gehölze und Brutplätze von Vögeln sollten gesichert werden.

    Empfehlenswert ist ein rotierendes Weidesystem zwischen verschiedenen Flächen. Dies mindert den Parasitenbefall bei den Weidetieren und begünstigt die Förderung von Zielarten. Durch Weidepausen können Zielarten (z.B. Frühsommeraspekt mit typischem Arteninventar) auf einzelnen Weideflächen ohne Störung zur Fruchtreife gelangen.

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Projektleitung: Prof. Dr. Sabine Tischew
Projektbearbeitung: Dr. Daniel Elias, Dr. Alrun Siebenkäs, Thomas Engst, M.Sc,Vera Senße, M.Sc.
Gefördert durch: ELER- Sachsen Anhalt (2006-2007, 2009-2010, 2010-2012, 2012-2014, 2014-2015, 2017-2020), Heidehofstiftung
Landesverwaltungsamt Sachsen-Anhalt

Europa-ELER

Landesportal Sachsen-Anhalt

Kooperationspartner: Landschaftspflegeverein Saaletal e.V. (Zickeritz), BUND Halle-Saalekreis, SALIX – Büro für Ökologie und Landschaftsplanung (Wettin)